Wie zeigt mein inneres Kind sein Leid?

Wenn ein Kind erlebt, dass es nicht willkom­men, nicht geliebt oder nicht gese­hen wird; wenn es spürt, dass kaum Inter­esse beste­ht, es zu ver­ste­hen – oder schlim­mer noch: wenn es offene Ablehnung, Abw­er­tung und tief­ste Mis­sach­tung erfährt –, dann kann es diese Gefüh­le nicht lange aushal­ten.

Um diese tiefe Verun­sicherung zu bewälti­gen, die ein Kind in sich spe­ichert, wenn es sich so „falsch“ fühlt, set­zt ein Schutzmech­a­nis­mus ein: Das Kind ver­drängt diese Erleb­nisse oder spal­tet sie ab. Es sind ein­fach unerträgliche Äng­ste, und das junge Gehirn ist noch nicht reif genug, um sie zu ver­ar­beit­en. Das kleine, ursprünglich kom­plett gesunde und zarte Wesen lernt dadurch, sich selb­st als ungenü­gend und nicht liebenswürdig wahrzunehmen. Da es von seinen Bezugsper­so­n­en exis­ten­ziell abhängig ist, entste­ht eine riesige Ver­lus­tangst. Um diese Bedro­hung zu über­leben, muss das Kind seine Gefüh­le betäuben.

Wie das verletzte Kind den Schmerz kompensiert

Das Kind ver­sucht, den Schmerz auf dürftige Art und Weise wegzuschieben. Entwed­er bemüht es sich extrem, gemocht zu wer­den: Es macht sich nüt­zlich, ist beson­ders fleißig, unter­wür­fig oder unter­halt­sam. Es macht sich klein und stellt andere auf einen Sock­el. Oder es wählt das Gegen­teil: Es baut schon früh eine brüchige Fas­sade auf, zeigt nach außen, dass ihm alles egal ist und es ange­blich nicht ver­let­zlich sei. Alles dient dazu, die unerträglichen inneren Span­nun­gen und das verun­sich­ernde Gefühl nicht spüren zu müssen.

Oft zeigt sich dieses Leid auch kör­per­lich oder im Ver­hal­ten. Viele Kinder wer­den krank, kla­gen über ständi­ges Bauch­weh, entwick­eln Neu­ro­der­mi­tis, Ticks oder später Essstörun­gen und Suchtver­hal­ten, manch­mal aber auch Zwänge oder andere ern­sthafte psy­chis­che Schwierigkeit­en. Während manche Kinder ständig neg­a­tive Aufmerk­samkeit erre­gen, ler­nen die meis­ten jedoch, sich per­fekt anzu­passen. Sie wollen nie­man­dem zur Last fall­en und ver­hal­ten sich so, dass sie auf keinen Fall Miss­fall­en her­vor­rufen.

Das leise Flüstern des inneren Kindes im Erwachsenenleben

Als Erwach­sen­er führt dies dazu, dass wir Ver­hal­tens­muster zeigen, die uns gar nicht bewusst sind, weil der alte Schmerz ja immer noch betäubt ist. In schwieri­gen Beziehungssi­t­u­a­tio­nen, in denen bei einem unbeschädigten Men­schen sofort die Alar­m­glock­en schrillen wür­den, fühlt sich für einen Men­schen mit diesen Mustern die Sit­u­a­tion zwar ver­wirrend, aber selt­sam ver­traut an. Es wird vielle­icht als „See­len­ver­wandtschaft“ gedeutet – dabei ist es oft nur eine Schmerzver­wandtschaft.

Die alten Mech­a­nis­men greifen sofort: Das irri­tierende Ver­hal­ten des Anderen wird reflex­haft beschönigt. Eine manip­u­la­tive Kälte oder Unechtheit des Gegenübers wird ignori­ert, die dadurch entste­hende eigene Unsicher­heit wird nicht als Warnsignal wahrgenom­men, son­dern als per­sön­lich­es Defiz­it erlebt.

Warum wir die Warnsignale übersehen

Sobald ein Trig­ger das ver­let­zte innere Kind aktiviert, reagiert man oft wie in Trance – extrem ver­wirrt und verun­sichert. Man fällt in den Autopi­loten zurück: Man macht sich klein, wertet sich durch Selb­sthass ab oder ver­fällt in einen Helfer­modus, um die alte Not zu betäuben.
Das liegt daran, dass das innere Kind bedürftig ist und noch nicht die Reife hat, das Leid allein zu inte­gri­eren. Es kann nicht sehen, dass das Ver­hal­ten der anderen Per­son (z. B. deren Her­zlosigkeit) nichts mit dem eige­nen Wert zu tun hat. Das Kind nimmt die Befrem­dung nicht bewusst wahr, son­dern nimmt das Unrichtige in sich hinein und hält sich selb­st für falsch. Die Bezugsper­son muss „gut“ bleiben, da das Kind son­st ver­loren wäre. Diese Dynamik über­tra­gen wir später auf Part­ner, Chefs oder Fre­unde.

Der Weg zur Heilung: Integration statt Betäubung

Solange dieser Anteil unge­heilt ist und dumpf im Unbe­wussten schlum­mert, entzün­det sich die alte Wunde immer wieder neu. Die innere Abge­tren­ntheit führt auch äußer­lich häu­fig zum Gefühl der Leere, Heimat­losigkeit, Unver­bun­den­heit oder Beziehung­sun­fähigkeit. Die Inte­gra­tion unser­er ver­let­zten Anteile ist jedoch durch Acht­samkeit und Selb­st­mit­ge­fühl sehr gut möglich. Die Voraus­set­zung dafür ist es, sich den unan­genehmen Gefühlen zu stellen, statt sie zu betäuben. Es entste­ht Integrität, das Gegen­teil von Sucht. Kristin Neff zeigt dazu wun­der­bare Übun­gen, die helfen, das innere Kind wahrzunehmen, zu fühlen und ein­fühlsam zu ver­sor­gen.

Ohne diese Inte­gra­tion wieder­holen sich die beziehungss­abotieren­den Muster: Beziehungssucht, Arbeitswut, Rück­zug oder das Ret­ten-Wollen ander­er und weit­ere. Erst wenn wir ler­nen, das innere Kind nicht mehr wegzuschub­sen, son­dern es liebevoll anzunehmen, kön­nen wir das automa­tis­che Muster der Selb­stablehnung heilen.

Wie sieht im Gegensatz dazu eine gesunde Beziehung aus?

In ein­er gesun­den Beziehung darf­st du einen Men­schen ken­nen­ler­nen und auch seine Eck­en und Kan­ten beobacht­en, ohne dich selb­st infrage zu stellen.

  • Man kann Gren­zen spüren und kom­mu­nizieren.
  • Bedürfnisse wer­den offen geteilt, ohne Abw­er­tung oder Spott über Ver­let­zlichkeit.
  • Autonomie wird aus­ge­hal­ten und Nähe gewürdigt.
  • Bei emo­tionalen Trig­gern reflek­tiert jed­er erst ein­mal bei sich selb­st, statt sofort zu pro­jizieren. Man „räumt bei sich selb­st auf“.

Falls man doch nicht zusam­men­passt, kann man die Ent­täuschung aushal­ten, ohne den anderen abzuw­erten oder sich selb­st klein zu machen. Man hat keine Angst vor neg­a­tiv­en Emo­tio­nen und muss sie nicht mehr betäuben.

Woran erkenne ich, dass mir jemand nicht gut tut?

Du spürst es kör­per­lich: durch Irri­ta­tion, Erschöp­fung, Unruhe oder Grü­belzwang. Emo­tion­al kann es sich durch Trau­rigkeit, Gereiztheit, Unsicher­heit oder Ängstlichkeit bemerk­bar machen. In einem gesun­den Zus­tand beschönigst du das nicht mehr. Du schaust es dir ruhig an und darf­st auch desil­lu­sion­iert sein, ohne in eine tox­is­che Abhängigkeit zu rutschen. Du bist dann in der Lage, dein inneres Kind selb­st zu beruhi­gen und deinen wun­der­baren Wert zu spüren.

Wenn dich das The­ma inter­essiert, schau doch mal auf mein­er Seite „Inneres Kind“ vor­bei. Gerne helfe ich dir dabei, diese Anteile zu inte­gri­eren. Wenn du dir eine Online-Beratung wün­scht, melde dich gerne über mein Kon­tak­t­for­mu­lar.

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